Das Off-Shoulder und die Bloggermaschinerie

Off-Shoulder Top und die Blogger

Vor vier Wochen hab ich alle meine Nachhaltigkeits-Überzeugungen über Bord geworfen und bin in den Textilschweden gestapft. Ganz ohne Kleiderkreisel, richtig rein ins Geschäft. (Ausreden: nach einem Jahr in Kirgistan darf man das; einmal Großeinkauf und dann wieder back to … sustainable?; ich hab ja sowieso keine Sommersachen mehr; mimimimimi). Die Augen vom Vann Dann Mann haben sich schon bis in den Himmel gerollt, aber das hab ich einfach mal übersehen.

So, und warum überhaupt? Weil ich jetzt auch so ein Off-Shoulder-Ding haben wollte. Unbedingt. Und weil sowas ohne Anprobieren nix wird, musste ich natürlich direkt ins Geschäft, da geht nichts mit Second Hand (Ausrede #4). Wenn das bei Nina so gut aussieht, bei Esra sowieso, und bei Leonie erst recht – dann vielleicht auch bei mir Fashion Victim.

So weit war das auch schon einmal ein Erfolg. Aber wisst ihr was? Aussehen ist nicht alles. Eigentlich ist Gemütlichkeit alles. Und Wohlfühlen. Und so ein Off-Shoulder-Top, noch dazu ein durchsichtiges, kann genau gar nichts von beiden!

Wenn etwas Off-Shoulder ist, dann muss das auch der BH sein, und hier kommen wir zu des Pudels Kern: ein Bandeau-BH ist schrecklich ungemütlich, zwickt an allen Ecken und Enden, und rutscht noch dazu die ganze Zeit weg! Da spaziert man noch gut gelaunt mit dem Freund an der Hand durch die Stadt, schwupps, hat sich schon das Unterteil vertschüsst. Man trifft sich auf einen netten Kaffee, aber der BH hat mehr Lust auf ein Mittagsschläfchen als sonst irgendwas und lässt sich friedlich vom Bauch in den Schlaf wiegen. Oder vielleicht hebt man den Arm nach oben, der super-Schmusi wird vom Regal geholt, nur der Büstenhalter will mal wieder nicht mit und bleibt halt einfach stehen. Barbusig im Supermarkt. Lieber such ich es mir halt selber aus, wann ich meine Busen blitze.

Kurz: Off-Shoulder, Schmoff-Shoulder

Die Frage ist eigentlich, hätte ich mir das Teil gekauft (na gut, die Teile, Plural), wenn es mir nicht das Internet empfohlen hätte? Oder, noch mehr auf den Punkt gebracht: brauche ich das überhaupt? Vielleicht nicht. Wahrscheinlich nicht. Überhaupt nicht.

Und trotzdem lasse ich mich beeinflussen von ein paar Mädels im Internet, die ich eigentlich gar nicht kenne. Die ich aber gerne lese und deren Style ich gut finde. Die, wenn man ihnen auf Snapchat folgt, jeden Tag gefühlte 10 Pakete geliefert bekommen mit neuem Zeug, das niemand braucht und das, in den meisten Fällen, leider unter den schrecklichsten Arbeitsbedingungen und aus den umweltschädlichsten Materialien produziert wurde. Dazu kommt dann immer noch ein Gutscheincode, damit die Follower ja schön nachkaufen können, was die Influencer oft gratis nachgeschmissen bekommen. Die Konsumgesellschaft hat ein neues Gesicht, und zwar ist das schön, gebräunt, und lächelnd auf Instagram zu sehen.

Wann ist mein RSS Feed eigentlich zu einer einzigen Produktplatzierung geworden?

Schlau ist es ja – “persönliche” Kaufempfehlungen von Blogger:innen, von denen man jeden Tag so viel hört, als wären sie unsere besten Freundinnen. “Insider-Tips” kommen da auf zehn verschiedenen Kanälen auf uns zu, wir wissen jetzt: nur dieses Produkt hilft wirklich, nur diese Marke sitzt wirklich gut, nur dieser Schuh drückt nicht. Wir sagen Ja und Amen, soll heißen, wir kaufen, wir kaufen nach, wir laufen nach.

Ich auch.

Obwohl ich doch eigentlich gar nicht so bin. Oder?

Doch, bist du, schreien die Off-Shoulders im Kleiderschrank. Lieber würde ich mir die Ohren zuhalten, aber Ehrlichkeit und so: ich lese diese Blogs ja immer noch. Noch mehr Ehrlichkeit: ich kaufe auch so Teile, ab und zu sogar nicht Second-Hand, sondern so echt. So wie diese Off-Shoulders eben. Manchmal ärgere ich mich beim Lesen, es nervt, wenn zehn gesponserte Posts hintereinander kommen, es nervt, wenn kreative Menschen zu bloßen Werbeflächen werden, und es nervt noch mehr, wenn man selbst darauf hineinfällt.

Natürlich geht’s auch anders…

Man kann nicht sagen, dass es nicht auch Alternativen gäbe – Nunu natürlich, aber auch Vivi oder die Mädels von Today Is. Oder die Gute Güte und Ginger in The Basement mit ihrer Fäschn-Reihe. Die lese ich mindestens genauso gerne, vielleicht sogar ein bisschen lieber. Weil: weniger Werbung, mehr Nachhaltigkeit. Da traut sich auch mal jemand zu sagen, dass nicht-Einkaufen auch schön ist. Und wenn es einem doch unbedingt reizt, dann wird getauscht oder Vintage, Fair, Bio, Vegan gesucht.

Obwohl: das Off-Shoulder würde auch in der Bio-Version rutschen…da doch lieber zurück zur Methode eins? Ein weiteres kauf ich auf jeden Fall nicht mehr.

Off-Shoulder Top

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2 Kommentare zu "Das Off-Shoulder und die Bloggermaschinerie"

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