The American Dream: Wenn Jugend ein Vorteil ist

erstellt am: 12.07.2016 | von: vanndann | in: Kolumnen, Und So

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American Dream Jugend Vorteil USA Europa Vergleich

“In the U.S., youth is an asset. In Europe, it’s a risk.” 

Neben mir sitzt ein Italiener. Mittelalterlich, würde ich sagen, ist aber nicht so höflich. Irgendwo zwischen 35 und 45, und wir beide irgendwo zwischen L.A. und Düsseldorf. Er arbeitet schon seit vielen Jahren in Kalifornien, fliegt jedes Jahr drei- bis viermal wieder Richtung Bella Italia. Sein Beruf? Irgendwas mit Start-Up. Eine App. Und ich so? Na ja, eh schon wissen, Studium, dann – große Leere. Was Kreatives halt. Was Abwechslungsreiches. Was Aufregendes.

Mhm. Was ich denn so kann? Ja schon viel. Aber davon sieht man nichts am Lebenslauf. Mein Studium ist ein Zettel Papier und eigentlich noch nicht einmal das, denn: Zertifikat gibt’s erst im September. Ich habe Politikwissenschaften studiert, erzähle ich und bereite mich innerlich schon mal auf das Unausweichliche vor. Drei, zwei, eins: Willst du denn Politikerin werden? 

Nein, bitte nicht.*

Was dann? Ja, was dann. Ich kann schreiben, fotografieren, ich kann eine Website programmieren. Ich kann alles, wofür es was von Adobe gibt, und dann noch was. Ich kann auch zeichnen, wenn ich will. Was ich dafür nicht kann, ist Erfahrung beweisen. Ich bin eben jung, und, in dem Bereich, self-taught. Ein Millenial halt, ein Teenager genau dann, als alles passierte: monophon auf polyphon, plötzlich Farbdisplay, Kameras, Smartphone. Wir haben uns auf alles gestürzt, was neu war – und es erobert. Während unsere Eltern vorm Riesen-Rechner saßen und sich nicht trauten, das Browser-Fenster zu schließen, aus Angst, was kaputt zu machen, klickten wir uns durch die Welt.

Ist das auch einen Eintrag im Lebenslauf wert? Ich habe mir 100 You-Tube Videos zum Thema HTML angesehen und dann noch einen ganzen Kurs auf Codecademy gemacht?

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Zurück zur Reise in die USA, noch vor dem Flug neben dem Start-Up-Italiener. Wir sind in Palo Alto, eine breite Straße führt uns ins Nirgendwo. Links und rechts stehen keine Häuser mehr, nur mehr Wiese, Wasser, Steppe. Bis auf einmal ein großer Daumen vor uns aufragt. I Like.

Wir sind beim Facebook-HQ. Fasziniert spazieren wir durch den Campus – wie, das ist hier wirklich alles gratis? Erzählst du mir gerade, ich darf hier essen, so viel ich möchte, und bezahle dafür keinen Cent? Was, es gibt einen Bike Shop? Ein Gym? Eine Kreativwerkstatt? Einen Spieleraum? Und wie, genau, komme ich jetzt zu einem Job hier?

Die Freundin, die hier arbeitet und der wir die Tour verdanken, schmunzelt nur. Studiert hat sie eigentlich was mit Technik, erneuerbare Energien und so. Jetzt ist sie im Design-Team von Facebook und kümmert sich um ein bestimmtes User-Interface, also: das, was man sieht, wenn man sich so durch die Seite klickt. Wie kam der Sprung vom Vorher zum Jetzt?

“Es hat mich halt interessiert.”

Am Anfang hat sie sich selbst eine Website gemacht. Dann eine für die beste Freundin, dann noch eine. Bis sie ein kleines Portfolio hatte – über das sie dann auch zu einer Design-Firma stieß. Die wiederum wurden vom blauen Riesen dazu angeheuert, einen Teil des Designs zu übernehmen. Und die Freundin, die wurde dann gleich von Facebook übernommen. Thumbs Up, gute Arbeit, du bleibst hier – quasi.

An dem Punkt der Erzählung knabbere ich nur mehr ungläubig an meinem gratis Cupcake. Keinerlei Ausbildung, wenig Erfahrung, viel Können – und dann gleich bei Facebook? Für mich klingt das wie ein Märchen.

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Flash Forward noch einmal in den Flieger, der mich nach dem Road Trip wieder ins verstaubte Europa bringt. Ich erzähle dem Italiener die Facebook-Geschichte, aber der lächelt nur müde. Nichts Neues. USA eben – wo Talent zählt, und Jugend dein Vorteil ist.

„It’s simple – they just know that youth is what’s needed to take the leap forward.“

Der American Dream ist plötzlich auch für mich geboren. Vorher war das ein altes Klischee, eine Geschichte der Unabhängigkeit, allenfalls ein grünes Licht am anderen Ufer. Ein kleiner Punkt Nostalgie, der da hinüber blinkt, aber der längst von Kapitalismus verdreckt wurde. Warum von der Tellerwäscherin zur Millionärin, wenn es dafür keine staatliche Krankenversicherung gibt? Warum der Illusion von Glück durch großes Geld hinterher jagen, wenn davon die Wegwerf-, die Konsumgesellschaft erst geboren wurde und der Nachhaltigkeitsgedanke höchstens als Marketing-Gag angehängt wird?

Mein American Dream ist anders, die Jagd auf die Millionen reizt mich kein bisschen. Aber jung und kreativ zu sein und dafür wertgeschätzt zu werden, eine Chance zu bekommen, zu zeigen, was man kann – davon träume ich schon.

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* Eine Notiz am Rande, aber: Politikwissenschaften ist keine Schmiede für angehende Politiker_Innen. Ganz besonders nicht in Österreich. Es ist ein Studium der Gesellschaft – wie organisiert man ein Land? Ein Volk? Was ist überhaupt ein Volk, und gibt es so etwas wie eine Nation? Wie weit reguliert man die Wirtschaft? Auf welcher Geschichte basieren unsere Länder? Wie verwaltet man ein Dorf? Eine Stadt? Einen Bezirk, ein Land, eine EU? Also bitte, bitte – nein, ich will keine Politikerin werden. Wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist und wie man gesellschaftlichen Wandel vorantreibt, das interessiert mich dann schon eher.

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