Warum ich lieber barfuß laufe

erstellt am: 15.07.2016 | von: vanndann | in: Kolumnen, Und So

tagged: , , , ,

Barfuss Laufen Born To Run

Ich bin ja eigentlich die Person, die am Kieselstrand schon so daherwackelt, barfuß. Man kann das auch gut und gerne sich vor Schmerzen krümmen nennen, aber das ist jetzt Definitionssache, nicht so wichtig, Punkt: der Vann Dann Mann läuft dagegen immer ganz gelassen neben mir und spürt es irgendwie nicht einmal, wenn ihm eine Glasscherbe mitten in der großen Zehe steckt.

Wegen dieser doch sehr unfair verteilten Ausgangsverhältnisse konnte ich das dann natürlich nie ernst nehmen, wenn der Mann wieder mal barfuß laufen vorschlug. Laufen, also nicht dieses Laufen da aus Deutschland, das zum Supermarkt laufen, nein, laufen, rennen, joggen. Ich also trotzdem immer in meinen Nikes, er mit nackten Füßen einfach so durch den Wald. Jeder das Ihre!

Bis ich halt dann dieses Buch las, Born To Run von Chris McDougall. Seitdem haben sich genau zwei Dinge geändert: erstens renne ich jetzt wirklich auch barfuß durch die Gegend. Und zweitens murmelt der Vann Dann Mann auf einmal in regelmäßigen Abständen vor sich hin, dass er, wenn er gewusst hätte, dass ich das alles nur in gedruckter Version haben will, mir schon vor zwei Jahren ein paar Zettel in die Hand gedrückt hätte.

Verstanden hab ich das jetzt jedenfalls trotzdem, also können ja alle glücklich sein, denn ab jetzt wird zu zweit barfuß gelaufen. Weil es einfach besser ist – gesünder, schonender und auch ein bisschen natürlicher.

Bei einer Barfuß-Wanderung auf den Kleinen Sonnstein

Barfuß ist gesund

Die Läufer:innen, die ich kenne und die noch keine typischen Laufkrankheiten (irgendwas an Sehne, Knie, Knöchel) hatten, kann ich an zwei Händen abzählen. Mit Altersgrenze, also sagen wir Läufer:innen über 30, beschränkt sich das sogar auf eine einzige Hand.

Obwohl die Schuhindustrie (allen voran Nike) predigt, dass bessere Schuhe diesen Problemen eine Lösung sein können, bringt ein High-Tech-Schuh mit zwanzig Polstern, fünf Gel-Einlagen und drei Stabilisatoren genau rein gar nichts. Nein, eh falsch, weil er bringt in Wirklichkeit schon etwas, nur halt Schlechtes.

“Shoes do no more for the foot than a hat does for the brain.”
Dr. Mercer Rang, legendärer orthopädischer Chirurg und Researcher von Pädiatrischer Entwicklung 

Unsere Füße sind ja eigentlich genau fürs Laufen gemacht. Packen wir sie aber so extrem ein, verlernen wir, richtig zu laufen – und daher kommen dann auch die Probleme.

Beim Laufen in Schuhen kommen wir in der Regel zuerst mit der Ferse auf dem Boden auf. Der Aufprall geht somit ungefedert in unsere Beine über. Geht oder läuft man barfuß, verändert sich ganz automatisch auch unser Laufmuster: die Zehen kommen zuerst auf, und zwar rollt man sich von außen nach innen ab. Die Ferse bleibt eigentlich meistens in der Luft.

Diese Technik nennt man übrigens auch Vorfußlaufen und zählt zu den anderen Dingen, die mir der Vann Dann immer voller Begeisterung vor- und ich mit Augenverdrehen abschlug. Kann man nämlich sogar auch in Schuhen machen.

Barfuß ist schonend

Weil durch das Vorfußlaufen das harte Aufprallen am Boden vermindert wird, ist es besonders schonend für unsere Gelenke. So halten wir dann auch längere Distanzen durch – und größere Geschwindigkeiten. Es verändert sich nämlich zusätzlich und komplett automatisch auch noch unsere Haltung beim Laufen: der Oberkörper ist gerade, die Füße greifen nicht zu weit nach vorne, sondern befinden sich eher unterm Körper, und die Arme gehen locker mit. In einer solchen Haltung macht man sich quasi die Schwerkraft zu Nutze und “fällt” regelrecht nach vorne – man muss nur mehr die Beine mitnehmen, fertig.

Seitdem ich meine Lauftechnik angepasst habe, laufe ich eine Minute schneller im Schnitt, ohne mich mehr anzustrengen – und fühle mich nach dem Laufen ausgeruhter als zuvor.

Barfuß ist natürlich

Und so sollte man eigentlich auch laufen – der Mensch kam schließlich nicht mit einem Schuh auf die Welt, sondern nur mit nackten Füßen. Und diese Füße sind ziemlich genau dafür gemacht: laufen. Gehen. Sich fortbewegen eben. Mit unseren Zehen können wir ziemlich genau das Gleichgewicht halten, uns in etwas festkrallen, sicher stehen. Wir nehmen das vielleicht nicht immer so wahr, aber sie helfen uns ja doch immer – mit kleinen Bewegungen, die man eigentlich nur so wirklich sieht, wenn man einmal gezielt zuschaut.

“We found pockets of people all over the globe who are still running barefoot, and what you find is that during propulsion and landing, they have far more range of motion in the foot and engage more of the toe. Their feet flex, spread, splay and grip the surface, meaning you have less pronation and more distribution of pressure.”
Jeff Pisciotta, Senior Researcher, Nike’s Sports Research Lab.

Das mit den Schuhen, das kam erst später: Nike entwickelte die ersten Laufschuhe in den 70ern. Damals waren die Schuhe noch gar nicht so schlecht – eine dünne Sohle, etwas Stoff drumherum – genau, was man zum Schutz braucht, wenn man über spitze Steine und Stecken springt. Erst ein paar Jahre später begann der Hype um fancy Laufschuhe mit Polsterung, und das ist eigentlich auch ziemlich genau der Moment, an dem die ganzen Laufkrankheiten erst begannen.

Kurz: Barefoot is better

Ich bin immer noch dabei, mich an das mit dem Barfuß-Sein zu gewöhnen – zuerst sind wir erst mal nur spazieren gegangen. Dann vorsichtig laufen, dann einmal auf einen kleinen Berg. Die längeren Strecken laufe ich nach wie vor in Schuhen – aber zumindest mit Vorfußlauf. Das Ziel ist es aber trotzdem, auch weite Strecken über schwieriges Terrain locker barfuß bewältigen zu können – weil’s gut für uns ist, und außerdem richtig lustig.

Plus: man fühlt sich wie die größte Heldin, wenn man ohne Schuhe am Berg steht. Vielleicht liegt’s daran, dass die übrigen WanderInnen immer ganz fasziniert kommentieren: Schau! Des Mädal lauft blofuassig! A Wohnsinn… 

Übrigens: der Track zum Post…weil nur ein Wort schon den größten Ohrwurm in mir auslösen kann.

Kommentar hinterlassen

Schreib den ersten Kommentar!

Benachrichtigen
avatar
wpDiscuz