Linz: Höhenrausch 2016

erstellt am: 31.07.2016 | von: vanndann | in: Ausflug, Stadt

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Linz Höhenrausch 2016 Andere Engel

Von unten sieht man nicht sehr viel. Ich war hier noch nie, irgendwie ist es halb Museumsquartier Wien, halb Stadtpark. Ganz schön, eigentlich, Linz, das wusste ich von Dir nicht. Bist ja doch gar nicht so unfreundlich, hässlich. So richtig schön soll es aber dann oben werden, Höhenrausch heißt das, hoch hinaus also. Das Programmheft wirbt mit dem Wort sinnlich, ich finde das sprachlich gelungen, aber potentiell fehl am Platz – wie sinnlich fühlt es sich an, vor Höhenangst zu zittern?

Freundlich begrüßt werden, Ticket kaufen, dann noch die Frage – ÖAMTC-Karte dabei ? Dann wär’s billiger. Danke, sehr zuvorkommend, aber nein, daheim vergessen. Einmal Erwachsen, einmal Student bitte. Studentin, Mama! Ja, Studentin. Eh.

Linz Höhenrausch 2016 Andere Engel

Wir gehen zuerst durch drei Räume, unter Engelsflügeln, vorbei an hängenden Putten, durch Klangwelten, himmlische. Das Thema dieses Jahr nämlich : Andere Engel. Nicht ganz so biblisch wie gewohnt, eine Neuinterpretation, denn : wie leer ist der Himmel eigentlich wirklich ? Wo sind unsere Engel, und beschützen sie auch, wenn wir nicht glauben ? Nein, gehen wir noch einen Schritt zurück. Was ist das eigentlich, ein Engel?

Station zwei, jetzt geht es nach oben. Wir klettern vorbei am Engel-ABC auf das Dach des OK. Offenes Kulturhaus, heißt das, glaub ich, auch nach oben hin sehr offen, schön, da kann man am Dach spazieren gehen. Das ist eigentlich die Grundlage des Höhenrauschs – Ausstellungen am ungewöhnlichen Parcours durch Museum, Kirche und die Lüfte. Jedes Jahr ein Thema mit Himmel-Bezug, letztes Jahr waren es Vögel, diesmal eben Engel, aber alles hat irgendwie mit Wolken, Luft und Himmel zu tun.

Linz Höhenrausch 2016 Selfie Spiegel

Mir wird schon beim ersten Gitterboden schwindlig, was zu erwarten war, die Neugierde ist aber stärker und treibt mich weiter in den Höhenrausch. Wir gehen vorbei an Alltagsengeln, dann hängen wir am Dach der Ursulinenkirche, 300 kleine Cheruben staunen mit uns, oder sind sie entsetzt ? Am Boden liegt etwas, Absperrband, ein Bein, zwei Flügel, darüber ein Tuch. Der gefallene Engel, Fallen Angel. Weg von dem Unfallsort, weiter hinein zu anderen Engeln : Doppelgänger:innen und Zwillinge, Engelsamt, in den Engelgarten, hinauf auf die Himmelsstiege.

Höhenrausch Linz 2016 Jedermann

Noch nicht einmal bei der Hälfte angekommen, nein, ehrlich, noch nicht einmal am Dach oben bin ich schon überzeugt. Factum Kang von Cendice Breitz lässt mich nicht mehr los, die fliegenden Puppen von Heri Dono faszinieren mich, Fake Female Arist Life von Mathilde Ter Heijne finde ich spannend. Wie soll man das beschreiben, die Ausstellung macht einfach Sinn.

Höhenrausch Linz 2016 Puppen

Kein : Ich kenn mich nicht aus, Nichts von : Was soll das denn eigentlich sein, weil : Beschilderungen ausgezeichnet, Texte noch mehr. Kann man auch verstehen, wenn man nicht so viel Ahnung von Kunst hat. Die Werke gehen ineinander über, die Unterthemen sind schlüssig, alles passt zusammen. Da geht man mit Freude durch, und immer wieder mit Begeisterung um die Ecke.

Natürlich, muss man sagen, liegt das nicht nur an der Ausstellung selbst. Obwohl, Hut ab, aber trotzdem : der Weg besticht genauso. Am Dach des OK ist ja noch alles, na ja, OK, dann nähern wir uns neuen Gefühlen : Schwindel, Angst, Unwohlsein. Ich zumindest, die Höhenangst hab ich ja schon erwähnt. Manchmal verschwindet sie fast, weil ich mich auf die Arbeiten konzentriere und mich mitreißen lasse, dann spürt man auf einmal, dass der Keine Sorgen Turm schwankt und fragt sich, wer da für die Namensgebung verantwortlich war.

Marketingtechnisch gesehen wäre alles knapp neben der richtigen Funktion der Höhenwege aber ein Desaster, also vertraue ich auf die heilige Geschäftstüchtigkeit und, weil’s gerade gut passt, auf meine Schutzengel, und steige halt trotzdem bis ganz nach oben.

Jö, schön.

Höhenrausch Linz 2016 Ausblick Stadt

Bevor der Turm umknickt, was ich mir ziemlich sicher bin, dass er innerhalb der nächsten Minute tun wird, gehe ich aber lieber wieder nach unten. Beim Abstieg fällt mir die Musik auf, die vorher wohl in meinem Herzklopfen untergegangen sein muss. Himmlischer Chorgesang, als ich den Fuß wieder auf den Boden setze. Wusste ich es doch. Unten ist es besser, oben hat mich niemand so pathetisch empfangen.

Kognitive Dissonanz nennt man das übrigens. Ein sehr praktisches Ding, dank dessen man zum Beispiel auch jedes Wochenende auf luftigen Gipfeln stehen kann, sich aber auf schwankenden Türmen um sein Leben fürchtet.

Höhenrausch Linz 2016 Nike

Nach dem Turm, der immer noch steht, na, konnte ja niemand ahnen, geht es noch durch den Klanggarten und auf einer Holzbrücke zurück in die Kirche. Dieses Mal dann ganz unten vorbei, am gefallenen Engel. Tür auf, kurz geblinzelt, schon wieder mitten drinnen im Linz von unten.

Schade, weil war doch eigentlich ganz gut, der Höhenrausch.

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