Bücherliebe: Die Füchsin Spricht

erstellt am: 02.08.2016 | von: vanndann | in: Buch, Deutsch

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Sabine Scholl Bücherliebe Füchsin Spricht Vann Dann Blog

Bei Streifzügen durch Buchläden kann ich mich selten zurückhalten, wenn es schöne Buchläden sind, dann noch weniger. Die 10 Minuten, die ich letztens in der Linzergasse in Salzburg hatte, bevor mein Date daher kam (und wenn ich Date sage, meine ich in Wirklichkeit einen Kaffee mit meiner Mama), hab ich ganz logisch dazu genutzt, in die Rupertus-Buchhandlung zu schauen. Bin dann neun Minuten später mit fünf neuen Büchern aus der Tür spaziert, darunter auch eines von Sabine Scholl: Die Füchsin spricht.

Schuld daran: eigentlich die Jelinek

Ich kannte Sabine Scholl nicht, noch mehr, ich hatte noch nie von ihr gehört, und überhaupt sah das Buch auch eher unscheinbar aus. Wäre da nicht dieser rote Zettel um den Umschlag gewesen – eine Empfehlung von Elfriede Jelinek. Wenn die Lieblingsautorin spricht, dann folgt man der Lieblingsautorin. Ich brauchte dann nicht einmal mehr den Klappentext, um zu dem Schluss zu kommen, dass das ein Buch für mich sein muss (nicht, dass im Klappentext so viel stehen würde, aber es geht hier ums Prinzip).

Wen das jetzt abschreckt, und mir fällt mindestens eine Person ein, die klassisch die Nase rümpft und sich denkt, nein, sicher nicht, Jelinek fand ich eh schon so schrecklich, den kann ich beruhigen. Thematisch kann man Scholl schon mal auf dieselbe Stufe stellen wie Jelinek, beim Schreibstil sieht das aber anders aus. Also: lies das trotzdem.

Von kleinen und großen Beben 

Die Geschichte folgt Toni und ihrer Tochter Kiki, die in Deutschland wohnen, während Vater Georg mit der neuen Freundin Ryo und dem gemeinsamen Sohn Ko in Japan sind. Da waren eigentlich Toni und Kiki vorher auch, konnten aber nach der Trennung nicht mehr bleiben und so kam außer der emotionalen auch noch eine geographische Distanz hinzu.

Soweit das Setup. Richtig schön machen das Buch aber die Themen, die alle Figuren auf die eine oder andere Art berühren: Es geht um Zerfall und um Zerbrochenes, um Selbstbestimmung und Fremdeinwirkung, um Kontrolle und -Verlust. Bei Toni ist es der Rücken, der Probleme macht, der Mitarbeiter, die Arbeit. Ein Orchester von Problemen, die ihr Leben diktieren und ihr die Freiheit nehmen, oder nehmen zu scheinen. Georg hingegen sieht sich mit den Nachwirkungen der Atomkatastrophe in Fukushima konfrontiert und richtet seine Lebensweise danach aus, sich und seine Familie zu schützen. Kiki kämpft mit drei Sprachen in ihrem Kopf, Zugehörigkeit und dem Erwachsen-Werden. Auch die Nebencharaktere bemühen sich, ein Leben einzufangen, aufzuhalten, das wie Wasser langsam durch ihre Hände sickert.

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Sich beim Lesen wiedererkennen

Das Buch funktioniert auch so gut, weil man sich selbst darin erkennt. Ich mich, zumindest. Mal bin ich Kiki, die nicht mehr weiß, welche Sprache zu welchem Gefühl passt, die die Angst vor Irrationalem betäubt, die sich nicht entscheiden kann, wohin ihr Lebensweg geht. Mal Georg, der sich ins Abenteuer verliebt und die neue Liebe schließlich am Gegenteil, an Vorsicht, fast verliert, der sein Leben nachhaltiger gestalten möchte, der selbst mit dem Geigerzähler nachprüft, ob Lebensmittel essbar sind oder eben nicht. Manchmal auch Toni, die sich keinen eigenen Rhythmus schafft und stets im Takt der anderen tanzt, die sich nicht überlegt, was sie wirklich will, denn: das ist Luxus.

Extra schön: die Sprache

So, wie Sabine Scholl schreibt, fühlt man, lebt man, ist man. Direkte Reden sind genau das: direkt, die Sprache ist flüssig, wie gesprochen, trotzdem poetisch, wunderschön. Sie wechselt zwischen Sprachen, Formen und Personen und irgendwie hält doch alles zusammen, schreibt von modernen Themen und Techniken und schafft trotzdem Literatur. Für mich normalerweise ein Widerspruch, denn: Facebook, Blogs, Miyazaki und Pokémon sind Popkultur, kein offline-Lesestoff.

Wie gut das aber funktionieren kann, das hat mir erst dieses Buch gezeigt, und ich will unbedingt mehr. Die oberösterreichische Schriftstellerin flog bei mir bis jetzt tief unter meinem Radar, aber jetzt steht sie riesengroß am Schirm: ich überlege bereits, welchen Titel ich als nächsten lesen soll. Noch so ein Lesevergnügen, bitte.

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