Bücherliebe: Madalyn

erstellt am: 13.08.2016 | von: vanndann | in: Buch, Deutsch

tagged: , , , , , , ,

Buecherliebe Michael Koehlmeier Madalyn

Schon wieder so einer, der mir fast durch die Lappen gegangen ist. Genauso, wie ich eigentlich keine Ahnung davon hatte, wer Sabine Scholl ist (und wie gut sie schreiben kann!), war mir auch Michael Köhlmeier eher unbekannt. Vor zwei Jahren packte mich aber dann das Berg-Buch-Fieber: zuerst das von BAMF und sowieso Ober-Idol Gerlinde Kaltenbrunner, dann Das Größere Wunder vom immer-guten Thomas Glavinic (reden wir einfach mal nicht über Lisa, okay?), und dann? Dann wusste ich nicht mehr weiter (bzw. konnte ich auch keine Wahl zwischen den tausend Büchern von Reinhold Messner treffen, was schließlich einfach dazu geführt hat, dass ich genau keines las).

Als ich schon im vollen Bücherrausch im Thalia stand, fiel mir dann aber zum Glück noch ein Buch ins Auge: über Grönland ging es, eine Überquerung, eine mentale und körperliche Herausforderung. Spielplatz der Helden von Michael Köhlmeier. Schwuppdiwupp, schon eingepackt. Seitdem ist er einer meiner Lieblingsautoren, zu dem ich immer wieder gerne zurück komme – auch, wenn es nicht um Berge geht.

Jetzt endlich zum Buch: Madalyn

Auch ohne Berg-Bonus fand ich Madalyn wunderschön geschrieben – so, dass man das Buch einfach in einem durch lesen möchte. Es geht um ein Mädchen, Madalyn (na no na ned), und ihre Beziehung zu Moritz, die noch ganz jung und frisch ist. Erzählt wird das Alles von einem Schriftsteller, der im selben Haus wohnt wie die 14-Jährige und ihr vor fast zehn Jahren einmal das Leben gerettet hat, als Madalyn von einem Auto angefahren wurde. Seitdem sind die beiden irgendwie verbunden, Madalyn scheint dem Mann aus dem Stock über ihr mehr zu vertrauen als ihren Eltern.

Der Schriftsteller, Sebastian Lukasser, hört ihr zu, als sie ihm von ihrer Verliebtheit erzählt. Moritz ist kein einfacher erster Freund – er macht oft Probleme, wurde aus seiner vorherigen Schule geschmissen und ist ein notorischer Lügner. Madalyn weiß nicht, woran sie ist, wird aber trotzdem immer wieder in seinen Bann gezogen – sie ist verliebt. Daraus entsteht ein wunderschönes Portrait einer jungen Liebe und aller Aufregung, die damit verbunden ist.

Buecherliebe Michael Koehlmeier Madalyn

Zwischen zwei Wirklichkeiten

Was mich aber besonders reizt, ist nicht diese Liebesgeschichte – sondern die Ambivalenz, mit der sie erzählt wird. Als Leser:in erfährt man die Geschichte aus zweiter Hand, Lukasser erzählt uns als Schriftsteller, was vorgefallen ist und wie sich Madalyn und Moritz in der Situation verhalten haben. Er greift tief ein in das Gefühlsleben des jungen Mädchens, erklärt Zusammenhänge, Taten und Hintergründe. Dabei kann man nie wissen, woran man eigentlich ist: Stimmt das, was uns Lukasser erzählt? Woher weiß er über so intime Dinge Bescheid? Hat ihm Madalyn wirklich alles in solchem Detail erzählt oder ist es seine schriftstellerische Ader, die durch die Zeilen fließt?

Dass Lukasser auch selbst zugibt, wie Moritz im Grunde genommen ein Lügner zu sein, verunsichert noch mehr. Er ist eben Schriftsteller, er erfindet Geschichten. Ist das alles auch erfunden? Und – lügt Moritz wirklich oder sagt er die Wahrheit, so wie er es Madalyn immer beteuert? Oder aber: Schreibt ihn Lukasser zum Lügner?

Immer mit dabei: so ein leichter Lolita-Vibe

Dazu kommt für mich noch, dass immer so ein leichter Lolita-Vibe mitschwingt. Sebastian Lukasser ist sehr viel älter als Madalyn und interessiert sich dennoch brennend für das 14-jährige Mädchen. Er betrachtet sie fast liebevoll, er steht auf ihrer Seite und auch wenn er anfangs noch davon schreibt, sich selbst nicht in die Geschichte hineinziehen lassen zu wollen, gelingt es ihm ganz und gar nicht. Er kümmert sich um das Mädchen und beschreibt so genau ihre Gefühle der Liebe, dass das Geschriebene oft unheimlich wirkt.

Manchmal vergisst man, wer hier erzählt, und lässt sich selbst mitreißen vom Strudel der Gefühle. Irgendwann kommt aber immer der Hinweis, dass es Lukasser ist, der diese Liebe hier porträtiert, und sofort schmeckt man wieder den bitteren Beigeschmack.

Und das ist vielleicht genau das, was dieses Buch so spannend macht. Man wird hin- und hergerissen, und immer bleibt nur Eins: eine leichte Verunsicherung.

Kommentar hinterlassen

Schreib den ersten Kommentar!

Benachrichtigen
avatar
wpDiscuz