Wir müssen über die Pille reden

erstellt am: 02.09.2016 | von: vanndann | in: Feminismus, Kolumnen, Und So

tagged: , , , ,

Pille Verhütung Hormone Hormonell Vann Dann Feminismus

Wir müssen über die Pille sprechen. Finde ich. Mal ehrlich und offen. Weil: Die Pille ist ja irgendwie so etwas wie die Go-To Verhütungsmethode. Du willst längerfristig verhüten und bist in einer festen Beziehung? Pille. Du möchtest nicht, dass mit dem Kondom etwas schief geht und du doch schwanger wirst? Pille. Du bist Teenagerin und hast Hautprobleme? Übergewicht? Du hast noch keinen Sex und leidest aber trotzdem unter Akne? Pille, Pille, Pille.

Hormonelle Verhütung und ich – going steady seit 6 Jahren

Ich war eher später dran mit der fixen Verhütung. Mit 18 Jahren wollte ich zum ersten Mal ernsthaft über längerfristige Verhütung nachdenken. Für die Frauenärztin war das keine Frage, Pille natürlich. Ich weiß noch, dass ich nach anderen Möglichkeiten gefragt habe, aber auch nicht so ernsthaft, schließlich: Alle meine Freundinnen nehmen die Pille, es ist so und so am sichersten, und überhaupt. Pille halt!

Ich nahm also dann die kleinen Tabletten und fand es erst mal gar nicht super. Ich fiel ständig in Ohnmacht, mir wurde schlecht, ich bekam Kreislauf-Probleme. Zurück also zur Frauenärztin, die mir noch einmal die Pille verschrieb. Andere Firma, gleiches Produkt. Wieder nichts.

Beim dritten Anlauf bekam ich dann die “Mini-Pille”, eine Gestagen-Pille, ganz ohne Östrogen also. Anders als bei der normalen Pille täuscht diese Mini-Version dem Körper nicht eine ständige Schwangerschaft vor (“Das ist gesünder”, O-Ton Frauenärztin), sondern unterdrückt den Eisprung einfach völlig (an dieser Stelle kein Zitat der Frauenärztin). Die Minipille wird deshalb auch durchgenommen – es gibt keine Pause für die Regelblutung.

Pille Hormon Verhütung Minipille

Ich nahm also die Minipille und freute mich erst einmal: keine Probleme mehr, keine Ohnmacht, und, am besten, keine Regel. Als ich nach einem Jahr wieder bei der Frauenärztin eintrudelte, bemerkte sie beim Ultraschall, dass etwas an meinen Eierstöcken nicht so ganz in Ordnung war.

“Warum sind die so geschwollen? Da war aber schon länger kein Eisprung mehr…”

Folgefrage an mich: Machen Sie denn keine Pause beim Einnehmen der Pille? Verunsichert verneinte ich erst einmal. Sollte ich das denn nicht so machen? Nein, nein, nicht. Pause muss schon, und so. Erst eine halbe Stunde später stellte sich dann heraus, dass meine Frauenärztin dachte, ich nähme die normale Pille. Also doch wieder: Minipille durchnehmen, passt schon so.

Risiken Nebenwirkungen Pille Hormone Verhütung

Wie jetzt – meine Eierstöcke sehen abnormal groß aus und freuen sich schon auf den nächsten Eisprung? Aber die Minipille sollte ich trotzdem weiter nehmen? Ich war nicht zufrieden, und da mir meine Frauenärztin anscheinend nicht weiterhelfen konnte, tat ich eben das Nächstbeste und googelte erst mal.

Auch auf den meisten Webseiten stand nur Positives über die (Mini-)Pille. Super Verhütungsmittel, sehr sicher. Außerdem: wichtig für die Emanzipation der Frau. Frau kann sich jetzt selbst aussuchen, wann sie sich fortpflanzt! (Ja, eh, aber: wir leben halt schon im 2016. Nicht mehr in den 60ern. Wo ist der Fortschritt?)

Ganz, ganz leise irgendwo in tief versteckten Internet-Foren stand dann aber die andere Seite der Geschichte. Frauen, die nach dem Einnehmen der Pille keine Kinder mehr bekommen konnten. Frauen, deren Körper Jahre für die Umstellung von hormoneller Verhütung zurück auf normal brauchten. Frauen, die von der Pille regelrecht krank wurden.

Pille Verhütung Sex Hormone

Ich pilgerte also wieder zur Frauenärztin und erkundete mich nach anderen Verhütungsmethoden. Meine Ansage war ziemlich klar (dachte ich): nichts Hormonelles, nichts, was den Körper zu sehr beeinflusst, nichts, was meinem Körper versucht, weiszumachen, dass ich schwanger sei, obwohl ich es nicht bin. Nichts, das ich nicht absetzen kann, wenn ich schwanger werden möchte, und dann auch wirklich Chancen habe, schwanger zu werden.

Zurück kam erst einmal die verblüffte Rückfrage der Frauenärztin: Wollen Sie denn schwanger werden?

Ich war 21 und dachte ganz bestimmt nicht daran, in den nächsten Jahren schwanger zu werden. Aber soll das etwa heißen, dass nur Frauen, die einen Kinderwunsch hegen und diesen auch bald in die Tat umsetzten möchten, Verhütung nehmen sollten, die ihren Körper nicht belastet? Ist es bei jungen, kinderlosen Frauen egal, welche Pillen sie sich hinter die Binde schmeißen? Weil der Kinderwunsch sowieso erst in ein paar Jahren relevant wird?

Gesundheit Pille Schwanger Sex Hormone

Ich war sprachlos. Ich fühlte mich bevormundet, als wären meine Besorgnisse komplett lächerlich. Als wäre es eigenartig, abnormal, ja, unerhört, sich mit 21 Jahren schon Gedanken über Familienplanung und Zukunft zu machen. Mir kam vor, meine Frauenärztin fand es verwunderlich, dass ich nach meiner Gesundheit fragte, nach der Gesundheit anderer Frauen, nach der Schwangerschaftsquote und Wartezeit nach jahrelanger Verhütung mit Pille. Warum, bitte, sollten solche Dinge eine junge Frau, gerade keine Teenagerin mehr, interessieren? Probleme, die erst bei Frauen höheren Alters auftreten, Frauen, die sich Kinder wünschen und keine bekommen können, Frauen, denen die Pille ihren gesamten Zyklus zerstört hat, sind keine Probleme für eine 21jährige.

Gut, Umkehrschluss, diese Themen sind also nur relevant, wenn man direkt vor dem Problem steht. Wenn man 27, 28, 29 aufwärts ist und die Pille absetzt, weil man sich ein Kind wünscht. Wenn man es monate-, jahrelang probiert. Wenn nichts funktioniert, wenn man sich langsam der 40 nähert, wenn sich die Gewitterwolke Risikoschwangerschaft schon am Horizont aufbauscht, wenn man es schon donnern hört. Wenn dann der Blitz einschlägt: Schwangerschaft, unmöglich. Also erst an die Gesundheit denken, wenn es oft schon zu spät ist?

Pille Verhütung Hormone Sex

Unglaublich, dass das immer noch betont werden muss: Probleme löst man dort, wo sie entstehen. Symptome bekämpfen tut den Schwierigkeiten keinen Abbruch, erst an den Körper denken, wenn man ihn schon jahrzehntelang mit Hormonen vollgepumpt hat ist too little, too late. Diese Einstellung erwarte ich mir auch von meiner Frauenärztin, diese Einstellung erwarte ich mir vom Staat, diese Einstellung erwarte ich mir von der Wissenschaft.

Ich will eine Alternative.

Ich will Verständnis beim Ärztinnenbesuch, ich will mit meinen Sorgen ernst genommen werden, ich will nicht belächelt werden, ich will eine offene, ehrliche Unterhaltung über Verhütung. Am Gyn-Sessel und auch überall sonst.

Pille Hormone Verhütung Sex

P.S.: Meine Zwischenlösung – die Spirale. Nicht sehr viel besser, aber wenigstens ein bisschen. Wie macht ihr das? 

P.P.S.: Die NEON gab mit den Anstoß zum Schreiben sowie Bebilderungs-Inspiration. Auf Between Cities gibt es außerdem einen wunderbaren Artikel zum Thema, lesenswert.

Kommentar hinterlassen

5 Kommentare zu "Wir müssen über die Pille reden"

Benachrichtigen
avatar
Sortieren:   Neueste | Älteste
Lisa
Gast

Also ich stand genau vor dem gleichen Problem nur halt 4 Jahre älter 😉 meine Frauenärztin war auch leicht entsetzt und versteht (bis heute) noch nicht ganz wieso ich die Pille nicht mehr nehmen will. Ich hab jetzt die Kupferspirale seit 1,5 Jahren – also eine Spirale ohne Hormone. Und komm damit ganz gut zu recht .. meine Haut stellt sich zwar noch um was mich ein bisschen fertig macht ABER dafür würde ich nie wieder die Pille nehmen weil da gibts ca. 1000 andere Sachen die man machen kann. 🙂

Lucia
Gast

Witzig, ich beschäftige mich grad mit dem exakt gleichen Thema. Meine Bedenken sind die gleichen. Und: es is so verdammt unfair!

wpDiscuz