Bücherliebe: Der fliegende Berg

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Ich hab, ehrlich gesagt, gar nicht so genau hingesehen. Christoph Ransmayr, passt schon. Das mach ich manchmal, wenn ich einen Autor, eine Autor, gerne mag – egal, was drinnen steht, ich werde es schon auch gut finden.

Dann hab ich Der fliegende Berg aufgeschlagen und war erst mal überhaupt nicht begeistert: Versform? Bitte nicht. Bis meine Aufmerksamkeit auf folgende Zeilen fiel:

“(Es ist) das Mißverständnis laut geworden, bei jedem
flatternden, also aus ungleich langen Zeilen bestehenden
Text handle es sich um ein Gedicht.”

Ja. Eh! Nicken, nicken, weiterlesen.

“Das ist ein Irrtum. Der Flattersatz – oder besser: 
der fliegende Satz – ist frei und gehört nicht allein den Dichtern.”

Nur das war es. Nur das hat es gebraucht, dass mich das Buch sofort in seinen Bann zog. Zum Glück, weil: was danach kam, das hat mich umgehauen.

Zwei Brüder, ein Gipfel

Christoph Ransmayr erzählt in Der fliegende Berg von zwei Brüdern, die einen blinden Fleck erforschen. Liam, der ältere der zwei Iren, findet auf Karten im Internet einen Hinweis auf einen Gipfel, der nirgend eingezeichnet zu sein scheint. Er steht irgendwo in Tibet, hoch oben, höher, als die beiden Männer vom Meer je waren.

Schon auf den ersten Seiten wird klar – nur einer der beiden schafft es zurück aus den Höhen, wo ewiges Eis liegt. Das nimmt dem Buch aber niemals die Spannung, ständig wird man von Vers zu Vers weiter durch das Epos gerissen, über Steilklippen, auf einsame Inseln, in vergessene Hochtäler. In das Zelt von Nyema und ihrer Familie, in das stille Hochgebirge, über gefährliche Gletscher und tiefe Spalten hinauf zum fliegenden Berg.

Schön abwesend: die Reimform

Es sieht zwar aus wie ein Gedicht, aber nach Reimen sucht man vergebens. Es ist wirklich einfach das, was Ransmayr in seiner Einleitung beschreibt: ein flatternder Text. Die Sätze werden durch Umbrüche zerrissen, erhalten neue Bedeutung. Man macht Lesepausen, die man sonst nie hätte, und denkt nach. So erfährt man die Sprache viel intensiver, man spürt den Berg, man schmeckt das Abenteuer. Sätze, die auf der Zunge zerfließen:

“Unbestreitbar blieb doch, daß einer, der seinen Fuß
in die Schneegärten der Götter setzte, Gefahr lief, 
daß er damit das eigene Leben zertrat,
denn der Taumel höher und höher
und über diese grellweißen, verbotenen Höhen hinaus
führte einen, der selber kein Gott war,
bloß in die Schwärze, in die Leere,
hinaus in die Nacht.” 

Ach.

Selten habe ich ein so schönes, romantisches, gleichzeitig wildes und gefährliches Buch gelesen. Es geht um die großen Themen, um Liebe, Familie, Bruderschaft, Gipfelstürme – aber niemals um Drama, um Übertreibung.

Ich will jetzt auf jeden Fall irgendwie mehr. Noch ein Versepos. Noch einmal dieses Buch, aber mit anderer Geschichte. Geht das? Schreibt mir das jemand?

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