Lieber Manspreader. Du stinkst.

erstellt am: 28.05.2017 | von: vanndann | in: Feminismus, Kolumnen, Und So

tagged: , , , , , ,

Manspreading Feminismus Manspreader

Ich saß letztens in einem Bus zwischen einer kleinen österreichischen Stadt und einer eher großen österreichischen Stadt, als mir wieder einer begegnete. Einer dieser Männer, die über ihren Platz hinaus auch noch 30% des Nebenplatzes beanspruchen müssen, aus Gründen. Ein Manspreader eben, der noch dazu stank. Lieber Manspreader, das ist mein Brief an Dich: Du. Stinkst. 

Der Bus: ein Doppeldecker, die Sitze: alle frei. Ausnahmslos. Atemlos stand ich am Rande der Treppen, oben, vor mir der feuchte Traum eines jeden Fahrgastes, zwei Plätze ganz vorne, dort, wo die große Scheibe ist, wo man gut raus sieht, wo links und rechts die Sonne rein scheint, wo man die Füße hochlegen kann.

Ich also sofort nach vorne, Koffer abstellen, Rucksack auch, Kamera ausgepackt, Notizbuch, Magazin, Wasserflasche, Platz war ja da, in diesem ansonsten leeren Bus. Meine Stimmung: euphorisiert, meine Haltung: entspannt, meine Laune: gut. Gut, gut, ausgezeichnet!

Bis du kamst.

Eine Minute vor Abfahrt, der Bus hatte sich nicht wesentlich mehr gefüllt. Auf den beiden Plätzen der Reihe neben mir saß ein junges Pärchen, vereinzelt Fahrgäste im hinteren Bereich. Dazwischen einfach Leere, Sitzplätze, Zweier, zum Ausruhen, Ausstrecken, Dehnen und Ganz-Für-Sich-Beanspruchen. Der Motor lief schon, wir waren so gut wie am Weg, ich gemütlich in meinem Sitz versunken, noch im Busbahnhof die Aussicht genießend.

Auf einmal, der Bus fuhr fast schon an, standst du da. Im Gang, Bierbauch, Schnurrbart, Klischee, aber wahr. Ich roch dich noch bevor ich dich sah, dich hörte, dein Achselschweiß die Ankündigung deines auch ansonsten in jeder Hinsicht stinkenden Auftretens.

Manspreading Feminismus Bus Manspreader

Du: Is do nu frei.

Ohne Fragezeichen.

Ich: perplex.

Frei wäre zum Beispiel die Reihe hinter mir gewesen. Oder die noch dahinter. Oder einer der anderen 50 Plätze, ja, die waren frei. Die waren zwar nicht in der ersten Reihe, auch ohne junge Frau darin, aber dafür ansonsten vollkommen schön, ungestört, in Ordnung. Frei wäre auch ich gewesen, einfach nein zu sagen. Das war der Fehler, weil, Höflichkeit, Überraschung, ich sagte ja.

Und du setztest dich neben mich.

War dein Geruch schon zuvor unangenehm aufgefallen, erschlug er mich jetzt. Du hattest kein Gepäck, du schienst nicht einmal auf Reisen zu sein. Du warst einfach nur da.

Ich gab dir eine Chance. Der Platz vorne, das ist der beste, kein Zweifel. Vielleicht warst du wie ich, vielleicht verstanden wir uns, wir zwei, vielleicht wolltest du einfach nur etwas von der Fahrt sehen. Vielleicht hattest du einfach nur simple Freude über das große Fenster.

Keine drei Sekunden, nachdem du dich gesetzt hattest, folgte dein Bein deinem Geruch und schob sich fordernd an meines. Ich drückte dagegen. Keine Reaktion. Ich drückte fester. Nichts. Ich wandte meinen Kopf zu dir, funkelte böse. Drückte mehr.

Du schlossest deine Augen und begannst fast im selben Augenblick, zu schnarchen.

Mein Bein an deinem, es war mir unangenehm, wie es das immer ist, wenn ich mich gegen Deinesgleichen wehren möchte. Egal, wie sehr ich drücke, noch kein Mann ist vor meinem Bein zurückgewichen, noch kein Mann fürchtete sich lange Fahrstunden davor, wieder unangemessen von mir berührt zu werden, kein Mann rückte auch nur einen Millimeter von der Stelle. Du auch nicht. Ich ließ ab und änderte die Taktik.

Feminismus Manspreading Bus Manspreader

Nur mehr durch den Mund atmend, schlug ich das rechte Bein über das Linke und drückte meine Sohle gegen dein Knie, mittlerweile bei gut einem Drittel meines Platzes angekommen. Du bemerktest es. Es war dir egal.

Zwei Stunden lang saßen wir so, du und ich. Und mein Bein, das eingeschlafene, meine dreckigen Turnschuhe an deiner Jeans, meine Wut gegen deine Gleichgültigkeit. Meine Angst gegen deinen Besitzanspruch. Mein Ekel gegen – dich.

Ich hätte Platz wechseln können. Aufgeben, klein beigeben.

Ich hätte auch mit dir reden können, direkt. Dir mutig ins Gesicht schauen und mich wehren.

Ich hätte es auch einfach ignorieren können, dein Bein. Zwei Stunden lang mit Bein an Bein, Jean an Jean, warmen Körper an warmen Körper ausharren, niedergeschlagen.

Hätte. Können. Tat es nicht. Hätte – niemals – gekonnt. Weil ich vorher da war, weil mir zumindest mein eigener Platz zusteht, weil ich genauso öffentlichen Raum beanspruchen kann wie stinkende Proleten mit wandernden Beinen. Wie du.

Feminismus Manspreading Bus Manspreader

Als ich aus dem Bus ausstieg, war ich so aufgebracht wie selten. Nicht, weil ich meinen Platz teilen musste. Auch nicht, weil du unverschämt viel Platz für dich wolltest, dir auch nahmst. Nicht einmal, weil du stankst. Sondern, weil, egal wie sehr ich es versuche, du dich niemals so unangenehm, ängstlich, angeekelt, unsicher und dreckig fühlen wirst wie ich, wenn du dein Bein an mich presst. Egal, wie fest ich mein Bein an deines drücke, egal, wie viel Platz ich mir selbst herausnehme, egal, wie dreckig meine Sohle auf deiner Jeans ist.

Ich wünsch dir was, lieber Manspreader. Ich wünsche dir, dass du vielleicht irgendwann verstehst, wie erschütternd die Erfahrung sein kann, sich bei gewöhnlichen Tätigkeiten in der Öffentlichkeit – einer Busfahrt! – so beschämt zu fühlen. Unsicherheit verspüren zu müssen, weil sich ein Fremder an dich schmiegt. Angst und Ekel vor jeder weiteren Berührung zu fühlen. Zwei Stunden lang nicht entspannen zu können, während dein Sitznachbar friedlich entspannt, ohne Sorge. Ohne jegliche Ahnung oder Gespür dafür, was er gerade auslöst. Und ich wünsche dir, dass deine Töchter, deine Enkelinnen, nie mit so etwas zu kämpfen haben.

Weil es stinkende, ignorante, sexistische und anzügliche Manspreader-Arschlöcher wie dich bis dahin hoffentlich nicht mehr geben wird.

Kommentar hinterlassen

Schreib den ersten Kommentar!

Benachrichtigen
avatar
wpDiscuz